Geschichte von Erfurt - Das Bierloch - Bierlöcher

 

Die privilegierten Biereigen (Biereigen → Bieräugel → Berufsname zu mittelhochdeutsch bierouge »Bürger, der das Recht hat, Bier zu brauen und zu schenken«. Die Bezeichnung geht zurück auf mhd. ougen »vor Augen bringen, zeigen«) zeigten einst frisch gebrautes Bier durch Strohbüsche in Löchern an ihren Hausportalen an.

 

Im Übrigen war Bierbrauen auch ein sehr einträgliches Geschäft. Es gehörte neben dem Handel mit dem begehrten Blaufärbemittel Waid zu den wichtigsten Grundlagen für den Reichtum einiger weniger Patriziergeschlechter. Oft waren die Waidjunker identisch mit den sogenannten Biereigen, die allein das monopolartige Recht besaßen, im Stadt- und Landgebiet von Erfurt Bier zu brauen und auszuschenken. Hieran erinnern die runden Löcher neben den Portalen von Bürgerhäusern, in die bei frisch gebrautem Bier Strohbündel gesteckt wurden. So ist es auch kein Zufall, dass sich jene Löcher überwiegend an großen und prächtigen Bürgerhäusern finden. Hierzu zählt etwa das »Haus zum Pfauen« oder auch das »Haus zum Stockfisch« in der Johannesstraße, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist. Errichtet wurde es ab 1607 von dem Waidjunker und Biereigen Paul Ziegler, der mit zu den reichsten und mächtigsten Bürgern der Stadt Erfurt zählte.

 

Das frisch gezapfte Bier wurde jedoch nicht nur optisch, sondern auch deutlich vernehmbar akustisch bekannt gegeben. Dies war Aufgabe von Knechten der vier Stadtviertel, den sogenannten Bierrufern. Um jene Bierrufer rankt sich auch so manche Anekdote. 1289/90 führte König Rudolf von Habsburg fast ein Jahr lang die Reichsgeschäfte von Erfurt aus und stellte dabei mit Unterstützung der Bürgerschaft den Landfrieden gegen die Raubritter wieder her. Der beliebte greise Monarch soll in dieser Zeit aus einer spontanen Laune heraus frisch gezapftes Bier bei einem Erfurter Ratsherrn ausgerufen haben. Auch andere hohe Herrschaften wie König Gustav II. Adolf von Schweden waren dem Erfurter Bier zugetan. Mit dem modernen Gastronomie- und Brauereibetrieb haben die Bierlöcher heute zwar ihre Funktion verloren, erinnern aber als architektonische Denkmale an jenes süffige Kapitel der Erfurter Geschichte.